Maßregelvollzug auf der Höhe der Zeit

Klinikneubau für die Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden

23.10.2025, Susann Roßberg
Versorgung

Am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch wurde im Herbst 2024 ein moderner Erweiterungsbau im Sicherheitsbereich der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie eingeweiht. Das neue Klinikgebäude samt Sporthalle schafft nicht nur wichtige Zusatzkapazitäten im baden-württembergischen Maßregelvollzug, sondern verbessert auch die räumlichen Rahmenbedingungen für eine forensisch-psychiatrische Akutbehandlung nach aktuellen Empfehlungen der Fachgesellschaften.

„Ich bin froh, dass wir durch den Neubau weitere Plätze für den Maßregelvollzug ans Netz nehmen und dadurch der Belastung durch die Hochbelegung für die Patientinnen und Patienten wie auch für die Mitarbeitenden entgegenwirken können,“ zeigte sich die PZN-Geschäftsführerin Anett Rose-Losert bei der Feier zur Eröffnung des Neubaus am 11. Oktober 2024 am PZN erleichtert. Sie lobte die zügige Fertigstellung des ambitionierten Erweiterungsprojekts und verwies auf die Erschwernisse in der Planungs- und Bauphase durch die Corona-Pandemie sowie die Unsicherheiten in der Bauwirtschaft. Gemeistert worden seien auch die speziellen Herausforderungen und anspruchsvollen Sicherheitsvorkehrungen, die mit einem Bauvorhaben bei laufendem Klinikbetrieb im Bereich des Maßregelvollzugs einhergehen.

Mehr Kapazitäten für die Unterbringung im Maßregelvollzug 

Das Bauvorhaben war nötig geworden, weil sich die forensisch-psychiatrische Klinik im PZN – wie auch in den weiteren Zentren für Psychiatrie (ZfP) in Baden-Württemberg – mit einem anhaltenden Anstieg der gerichtlichen Anordnungen für die Unterbringung im Maßregelvollzug konfrontiert sah. Verzeichnete man in der Wieslocher Einrichtung noch bis 2018 eine relativ stabile Belegung, mussten seither jährlich erheblich mehr Patientinnen und Patienten aufgenommen werden als entlassen werden konnten. Mit Blick auf die kontinuierliche Hochbelegung beschloss das für den Maßregelvollzug zuständige Landessozialministerium eine Reihe von Kompensationsmaßnahmen. Als Interimslösung war in Wiesloch bereits im Oktober 2022 eine zusätzliche Station in einem sanierten Bestandsgebäude in Betrieb gegangen. Über zügig umgesetzte Neubauprojekte, die für den Maßregelvollzug am PZN wie auch an weiteren ZfP-Standorten auf den Weg gebracht wurden, sollten die absehbar notwendigen Zusatzkapazitäten geschaffen werden.

Hohe Erwartungen an Sicherheit und Transparenz

In Wiesloch, wo das PZN auf einem rund 90 Hektar großen, öffentlich zugänglichen Parkgelände seinen Hauptsitz hat, blickt die Einrichtung mittlerweile auf eine 120-jährige gemeinsame Geschichte mit der Stadt. Als wichtiger Arbeitgeber pflegt das Zentrum ein von gegenseitigem Verständnis geprägtes Miteinander mit den Bürgern und der Kommunalverwaltung. Bereits in der frühen Entscheidungs- und Planungsphase der Maßregelvollzugserweiterung stand für die PZN-Geschäftsleitung fest, dass die Standortbevölkerung umfassend informiert und für die damit verbundene gesellschaftliche Verantwortung sensibilisiert werden sollte. „Unser bisheriges Engagement, mit den Menschen im Umfeld unseres Zentrums proaktiv über wichtige Ereignisse und Entwicklungen in unserem Haus ins Gespräch zu kommen, bewährt sich. Diese gelebte Transparenz schafft eine Vertrauensbasis und Akzeptanz bei der Bevölkerung, die bei der Erfüllung unseres Versorgungsauftrags hilft“, erläutert Vincent Karfus, stellvertretender Geschäftsführer am PZN, die Kommunikationspolitik des PZN.

„Nicht nur mit Blick auf einen tragischen Vorfall im September 2023 ist uns klar, wie wichtig es für die Wieslocher Bürgerinnen und Bürger ist, dass im sensiblen Bereich des Maßregelvollzugs verlässliche Sicherheitsvorkehrungen greifen. Deshalb haben wir nicht nur den Neubau mit modernster Sicherheitstechnik ausgestattet, sondern uns auch über alle Phasen der Bauaktivitäten hinweg viele Gedanken gemacht und umfassende Maßnahmen ergriffen, um keine Sicherheitslücken entstehen zu lassen,“ ergänzt Uwe Wolff, Leiter der Abteilung Bau und Technik am PZN.

Bereits bei der Freimachung des Baufelds wurde ein geschlossener Hochsicherheitszaun errichtet, damit im Bereich innerhalb der Mauer ein sicherer Patientenbetrieb gewährleistet werden konnte. Die Baustellenzufahrt erfolgte über ein separates Tor in der Sicherheitsmauer. Als dann im ersten Quartal 2022 umfassende Bauaktivitäten starteten, war es den PZN-Verantwortlichen wichtig, die Anwohner und sonstige Passanten über die Vorgänge aufzuklären. Ein großes Schild am Tor der Baustellenzufahrt erläuterte die Hintergründe, den Zeitplan und den Zweck der Baumaßnahmen sowie die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen.

Im Dialog mit den Bürgern

Was sich „hinter der Mauer“ – wie man in Wiesloch den Sicherheitsbereich der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie nennt – tut, stand im Juli 2023 auch im Mittelpunkt einer Bürger-Infoveranstaltung. Neben der PZN-Geschäftsführerin und der Dualen Klinikleitung nahmen auch Wieslochs Oberbürgermeister und der Leiter des örtlichen Polizeireviers am konstruktiven Austausch dieses Informationsabends teil.

Nach knapp dreijähriger Bauzeit konnten die neuen Räume im November 2024 – mit dreimonatiger Verzögerung aufgrund der Insolvenz eines der mit dem Ausbau beauftragten Unternehmen – schließlich in Betrieb genommen werden. Dem offiziellen Festakt zur Eröffnung folgten Besichtigungsmöglichkeiten für die Mitarbeitenden des PZN sowie ein Tag mit öffentlichen Führungen, den viele Menschen aus der Region mit großem Interesse nutzten, um einen exklusiven Einblick in den Neubau, aber auch in die generelle Arbeit im Maßregelvollzug zu bekommen.

Mehr Platz und erweiterte Therapieangebote 

Im dreistöckigen Klinikgebäude im Sicherheitsbereich stehen nun drei zusätzliche Stationen mit Platz für 54 Patienten bereit. Hier gibt es die Möglichkeit besonderer Sicherung und der Intensivbehandlung sowie der Krisenintervention. Ziel der Behandlung in dieser Klinikeinheit ist die Verlegung in den Rehabilitationsbereich. Mit einer Stationsgröße von maximal 18 Betten, unterteilt in drei separate Wohngruppen, verfügt nun auch der Sicherheitsbereich über zukunftsweisende räumliche Bedingungen für eine moderne forensisch-psychiatrische Unterbringung und ein breites, multimodales Therapieangebot. Die ebenfalls neu gebaute Sporthalle mit einem Kleinspielfeld trägt zu deutlich verbesserten Möglichkeiten der Sporttherapie bei. Erweiterte soziotherapeutische Angebote und ein neues Gemeinschaftszentrum direkt im Sicherheitsbereich entfalten zusätzlich positive Impulse auf die Therapiearbeit und die Wiedereingliederungschancen der Patienten.

So können jetzt in der Arbeitstherapie noch mehr lebenspraktische Tätigkeiten geübt werden, beispielsweise in der Gastronomie, im Service oder in der einfachen Buchhaltung. Geplant sind darüber hinaus besondere Angebote wie eine Theatergruppe oder Konzerte, um zwischenmenschliche Begegnungen und soziale Kontakte zu fördern. Neue Therapieansätze und Projekte werden auf einer „Innovationsstation“ zunächst erprobt und ausgewertet, um ihre Eignung für die Einführung in weiteren Bereichen der Klinik bewerten zu können.

Mehrwerte für Patienten und Mitarbeitende

„Mit der überschaubaren Stationsgröße, Aufenthaltsmöglichkeiten an der frischen Luft im jederzeit zugänglichen Innenhof sowie auf Balkonen und den Raumangeboten für Sport und Bewegung orientiert sich unser Erweiterungsneubau an den aktuellen Expertenempfehlungen. Diese Rahmenbedingungen unterstützen unser Behandlungskonzept und helfen, unsere Patienten an einen normalen Lebensalltag heranzuführen, wie es unser gesetzlicher Auftrag vorsieht“, erläutert Dr. Christian Oberbauer, Medizindirektor des Maßregelvollzugs am PZN, die Verbesserungen.

Für Pflegedienstleiterin Anette Diemer ist die moderne Umgebung – neben attraktiven Weiterentwicklungschancen sowie weiteren Benefits – ein maßgeblicher Pluspunkt ihrer Klinik, wenn es darum geht, neue Mitarbeitende für das spannende und anspruchsvolle Tätigkeitsfeld im Maßregelvollzug zu gewinnen.

Daten & Fakten zum Bauprojekt:

Bauherr/Betreiber:

Psychiatrisches Zentrum Nordbaden, Wiesloch

Architektur:

INTEGRAL Architekten Ludwig & PartG mbH, Ravensburg
Projektumfang:

Neubau von drei Stationen für den Maßregelvollzug

Neubau einer Sporttherapiehalle

Sanierung einer Arbeitstherapiehalle und Integration eines Multifunktionsbereichs

Neubauten:

Klinik mit Untergeschoss, drei Obergeschossen, Dachgeschoss (Nettogrundrissfläche 5.750 m2)

Sporttherapiehalle (Nettogrundrissfläche 390 m2)

Sanierung:

Arbeitstherapiehalle mit Gemeinschaftszentrum (Nettogrundrissfläche 1.985 m2)

Projektkosten:

Rund 40 Mio. Euro inkl. Nebenkosten (u.a. Sicherheitstechnik)

Finanzierung:

Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes Baden-Württemberg (Aufsichtsbehörde)
Meilensteine:

Einreichung Bauanträge im Juli 2021

Baufeldfreimachung und Maueröffnung im November 2021

Baubeginn im Januar 2022

Rohbauabnahme im Mai 2023

Fertigstellung Innenausbau und Einrichtung im Oktober 2024

Inbetriebnahme im November 2024

 

Kurzprofil der Klinik

Die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, eine von fünf Fachkliniken am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden, ist die größte Maßregelvollzugseinrichtung in Baden-Württemberg. Sie ist spezialisiert auf die Unterbringung und Therapie von psychisch erkrankten Straftätern nach § 63 StGB auf gerichtliche Zuweisung aus den Landgerichtsbezirken Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe und Mosbach. Zudem werden besonders sicherungsbedürftige Patienten aus anderen Maßregelvollzugseinrichtungen im Land aufgenommen.

Bei der individuellen Behandlung und Sicherung arbeitet das multiprofessionelle Klinikteam unter der Leitung von Medizindirektor Dr. Christian Oberbauer und Pflegedienstleiterin Annette Diemer Hand in Hand auf zwölf Stationen, gegliedert in einen Sicherheitsbereich sowie einen geschlossenen und einen offenen Rehabilitationsbereich. Auf dem Weg der Wiedereingliederung der Patienten in die Gesellschaft bewähren sich eine Außenwohngruppe und die Fachambulanz.

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