Portrait: Katarina Stengler

Gesundheits- und Sozialpolitik als Auftrag psychiatrischer Versorgung

26.01.2026, Redaktion
Aktuelles

Medizinische Führung mit politischem Anspruch

Katarina Stengler spricht nicht nur über Behandlung, sondern über Rahmenbedingungen. Seit 2021 ist sie Direktorin des Zentrums für Seelische Gesundheit am Helios Park-Klinikum Leipzig, seit 2017 Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. In diesen Funktionen verbindet sie medizinische Verantwortung mit einem ausgeprägten gesundheits- und sozialpolitischen Anspruch.

Stengler versteht Psychiatrie als Teil eines gesellschaftlichen Systems. Versorgung endet für sie nicht an der Klinikpforte. Sie beginnt dort und muss in soziale Teilhabe münden. Diese Haltung prägt ihre Arbeit in der Klinik ebenso wie ihr Engagement in Fachgesellschaften und Gremien der Selbstverwaltung.

Wissenschaftlich geprägt, versorgungsnah geblieben

Bis 2017 war Katarina Stengler in leitender Oberarztfunktion an der Universität Leipzig, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie tätig. Dort arbeitete sie klinisch und wissenschaftlich mit Schwerpunkten in der Versorgungs- und Teilhabeforschung. In dieser Zeit entwickelte sie ein tiefes Verständnis dafür, wie sehr Versorgungsrealitäten von politischen und sozialrechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst werden.

Der Wechsel in eine chefärztliche Leitungsfunktion bedeutete für sie keinen Bruch, sondern eine Erweiterung ihres Wirkungsfeldes. Forschung, Versorgung und Organisation betrachtet sie bis heute als eng miteinander verbunden. Ihre klinische Arbeit ist geprägt von der Frage, wie Strukturen gestaltet sein müssen, damit evidenzbasierte Konzepte im Alltag tatsächlich ankommen.

Leitlinienarbeit und fachliche Positionierung

Ein zentrales Element ihres Wirkens ist die Mitarbeit in mehreren S3-Leitliniengruppen der DGPPN. Dazu gehören unter anderem Leitlinien zu psychosozialen Therapien sowie zur Verhinderung von Zwang und Gewalt in der Psychiatrie. Stengler bringt hier nicht nur medizinische Expertise ein, sondern auch eine klare ethische und sozialpolitische Haltung.

Darüber hinaus leitet sie das DGPPN-Referat „Rehabilitation und Teilhabe“. In dieser Funktion setzt sie sich für eine Psychiatrie ein, die Teilhabe als integralen Bestandteil von Behandlung begreift, nicht als nachgeordnetes Ziel. Gesundheitspolitik und Sozialpolitik greifen hier aus ihrer Sicht unmittelbar ineinander.

Stimme in Selbstverwaltung und Interessenvertretung

Katarina Stengler wirkt auch jenseits der Fachgesellschaften. Sie ist Mitglied der Krankenhaus-Kommission Psychiatrie der Deutschen Krankenhausgesellschaft und damit an zentralen gesundheitspolitischen Diskussionen zur stationären psychiatrischen Versorgung beteiligt. Zusätzlich ist sie Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Aktion psychisch Kranke e. V.

In dieser Rolle vertritt sie insbesondere psychiatriespezifische und übergreifende gesundheits- und sozialpolitische Positionen. Sie bringt klinische Erfahrungen in politische Debatten ein und macht auf strukturelle Defizite aufmerksam, die die Versorgung psychisch erkrankter Menschen erschweren. Ihr Ziel ist es, Brücken zwischen medizinischer Praxis, Gesetzgebung und sozialer Realität zu schlagen.

Pflichtversorgung und Teilhabe im Fokus

In ihren aktuellen Versorgungs- und Forschungsarbeiten beschäftigt sich Stengler intensiv mit der psychiatrischen Pflichtversorgung. Sie analysiert, wie diese unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen ausgestaltet werden kann, ohne den Anspruch auf individuelle und teilhabeorientierte Behandlung zu verlieren.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf SGB-übergreifenden Versorgungspfaden für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Hier geht es um die Verzahnung medizinischer, sozialrechtlicher und rehabilitativer Angebote. Stengler sieht darin eine zentrale Zukunftsaufgabe der Psychiatrie. Gesundheitspolitik und Sozialpolitik müssen aus ihrer Sicht stärker zusammengedacht werden, um Brüche in der Versorgung zu vermeiden.

Psychiatrie als gesellschaftliche Aufgabe

Katarina Stengler versteht ihre Rolle nicht nur als Ärztin oder Klinikdirektorin. Sie sieht sich als Mitgestalterin eines Systems, das Verantwortung für besonders vulnerable Menschen trägt. Ihre Arbeit zeigt, dass psychiatrische Versorgung immer auch eine politische Dimension hat.

Für Führungskräfte und Entscheider in psychiatrischen Einrichtungen ist ihr Werdegang ein Beispiel dafür, wie medizinische Leitung, wissenschaftliche Fundierung und gesundheits- und sozialpolitisches Engagement zusammenwirken können. Stengler steht für eine Psychiatrie, die ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt und aktiv in politische Diskurse einbringt.

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