Von der Herausforderung zur Ressource: Internationale Medizinerinnen und Mediziner als Schlüssel zur Versorgungssicherheit

16.02.2026, Dr. Katja Kirchner, Christina Hayek
Politik & Management

Internationale Medizinerinnen und Mediziner sind längst zu tragenden Säulen der psychiatrischen Versorgung in Deutschland avanciert. Angesichts eines sich über die vergangenen zehn Jahre verschärfenden Fachkräftemangels und der kontinuierlich steigenden Prävalenz psychischer Erkrankungen kommt ihrer Integration eine strategische Schlüsselrolle zu. Der vorliegende Beitrag beleuchtet aktuelle Beschäftigungszahlen, fasst den Stand der Forschung zur Migration medizinischer Fachkräfte zusammen, stellt beispielhafte Praxisansätze vor und diskutiert kulturelle Kompetenz als zukunftsweisenden Managementansatz zur Sicherung einer qualitativ hochwertigen Versorgung.

Relevanz des Themas

Die psychiatrische Versorgungslandschaft in Deutschland steht unter erheblichem Druck. Die Nachfrage nach psychiatrischen Leistungen nimmt stetig zu, während gleichzeitig wirtschaftliche Belastungen – nicht zuletzt infolge steigender Betriebskosten – viele Einrichtungen an ihre Grenzen führen. Besonders stark betroffen sind Kliniken in ländlichen Regionen, die zunehmend Schwierigkeiten haben, vakante ärztliche Stellen zu besetzen. Zwar existieren zahlreiche Strategien zur Fachkräftegewinnung, doch sind deren Wirkpotenziale durch strukturelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen oftmals limitiert. Vor diesem Hintergrund erscheint die gezielte Rekrutierung internationaler Fachkräfte als ein zunehmend relevanter und praktikabler Lösungsansatz.

Ein Blick auf die aktuellen Daten des Psychiatrie-Barometers [1] unterstreicht diese Entwicklung: Bereits 55 Prozent der psychiatrischen und psychosomatischen Fachkliniken beschäftigten zum Zeitpunkt der Erhebung internationale Fachkräfte, weitere sieben Prozent planten dies konkret. Besonders auffällig: 90 Prozent der Einrichtungen, die bereits Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen konnten, gaben an, internationale Medizinerinnen und Mediziner zu beschäftigen. Nur 60 Prozent bestätigten dies in Bezug auf ausländische Pflegekräfte. Diese Verteilung unterscheidet sich signifikant von somatischen Fachbereichen, in denen primär Pflegepersonal aus dem Ausland rekrutiert wird.

Die Ursachen für diese Differenz lassen sich nur vermuten. Möglicherweise erscheint der psychiatrische und psychosomatische Arbeitsbereich für Pflegekräfte aufgrund des breiten, weniger körperlich belastenden Tätigkeitsspektrums besonders attraktiv. Gleichzeitig ist die Zahl inländischer Medizinstudierender, die sich für eine Facharztweiterbildung in der Psychiatrie entscheiden, seit Jahren unzureichend, um den steigenden Bedarf zu decken.

Die gesamtgesellschaftliche Tragweite eines Mangels an Medizinerinnen und Medizinern in psychiatrischen Versorgungsstrukturen wird dabei häufig unterschätzt. Denn lange Wartezeiten auf psychiatrisch notwendige Behandlungen führen teils zu einer Verschlimmerung oder auch Chronifizierung der Beschwerden. Psychische Erkrankungen beeinträchtigen nicht nur die individuelle Lebensqualität der Betroffenen, sondern verursachen auch erhebliche sozioökonomische Folgekosten. Schätzungen zufolge belaufen sich die durch direkte Behandlungskosten, Arbeitsausfälle und Frühverrentungen verursachten Belastungen auf über 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – Tendenz steigend [2].

Stand der wissenschaftlichen Forschung

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Migration und Integration internationaler Medizinerinnen und Mediziner in der Psychiatrie befindet sich noch in einem vergleichsweise frühen Stadium, hat jedoch seit 2008 – insbesondere durch Publikationen in Fachzeitschriften wie European Psychiatry – spürbar an Dynamik gewonnen. Im Zentrum stehen dabei vor allem die Beweggründe für eine Migration, die sich häufig durch sogenannte Push- und Pull-Faktoren erklären lassen. Während politische Instabilität, eingeschränkte Weiterbildungsmöglichkeiten und geringe Verdienstchancen im Herkunftsland als abstoßende Faktoren wirken, entfalten Aspekte wie hohe Weiterbildungsqualität, attraktive Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Sicherheit im Zielland eine anziehende Wirkung.

Deutschland steht dabei in einem intensiven Wettbewerb mit anderen hochentwickelten Staaten – insbesondere mit englischsprachigen Ländern, die sich bei der Anwerbung von hochqualifizierten Fachkräften als besonders erfolgreich erweisen. Zugleich rücken ethische Fragestellungen zunehmend in den Fokus. Viele Herkunftsländer, vornehmlich im globalen Süden, verfügen über äußerst begrenzte psychiatrische Versorgungsstrukturen. So kommt in Nigeria ein Psychiater auf rund 800.000 Menschen [3] – in Deutschland liegt dieser Wert bei etwa 27,4 pro 1.000 Einwohner, in der Schweiz sogar bei 51,7 [4]. Vor diesem Hintergrund ist es essenziell, dass Rekrutierungsprojekte deutscher Kliniken sich am Code of Practice on the International Recruitment of Health Personnel der Weltgesundheitsorganisation orientieren. Dieser beschreibt die Rahmenbedingungen, die es Ländern und Kliniken ermöglichen, unter fairen und vor allem ethisch und rechtlich vertretbaren Bedingungen internationale Gesundheitsfachkräfte aus dem Ausland anzuwerben.

Darüber hinaus widmet sich die Forschung zunehmend der Frage, wie sich kulturelle Unterschiede auf Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen auswirken. Symptome wie sozialer Rückzug oder Misstrauen können je nach kulturellem Kontext unterschiedlich interpretiert werden. Auch die Erwartungen an das Arzt-Patienten-Verhältnis variieren international erheblich – mit unmittelbaren Konsequenzen für die therapeutische Allianz und den Behandlungserfolg.

Best Practice: Integration und Onboarding

Erfolgreiche Kliniken setzen auf strukturierte Onboarding-Programme für internationale Medizinerinnen und Mediziner, die weit über die fachliche Einarbeitung hinausgehen. Auch in den bayerischen Bezirkskliniken wurden Modelle etabliert, die sich in der Praxis als überaus wertvoll für die Integration und Bindung ausländischer Fachkräfte herausgestellt haben. Die meisten dieser Best-Practice-Angebote sind multiprofessionell konzipiert, unter anderem auch Sprachkurse, die speziell für verschiedene Stationen angeboten werden. Die Besonderheit liegt hier darin, dass die passgenau auf die jeweilige Station zugeschnittenen Angebote sich nicht nur an alle Berufsgruppen auf der Station richten, sondern sowohl internationale als auch einheimische Fachkräfte ansprechen. Ziel des Angebots ist es, die Mitarbeitenden dabei zu unterstützen, ein Sprachniveau zu finden, auf dem alle Teammitglieder gut miteinander kommunizieren können. 

Eine weitere Besonderheit, die in mehreren Häusern umgesetzt wird, stellt der sogenannte „Bayerisch-im-Krankenhaus-Kurs“ dar. Dort werden sprachliche Besonderheiten der jeweiligen Region mit Fokus auf der Angehörigenkommunikation sowie der Anatomie und der Artikulation des Schmerzempfindens vermittelt. So wird den Teilnehmenden beispielsweise vermittelt, dass „Fuaß“ in bestimmten Regionen Bayerns das komplette Bein vom Oberschenkel bis zum Zeh beschreibt oder dass „Ich will nicht“ dort bereits eine sehr starke Ablehnung widerspiegelt. Nach Abschluss des zweistündigen Kurses erhalten die Teilnehmenden ein Handout, das sie im Versorgungsalltag unterstützen soll. 

Im Rahmen eines selbst erklärten internationalen Jahres, stellten in einem Bezirksklinikum regelmäßig internationale Fachkräfte die kulturellen Besonderheiten ihres Heimatlandes wie auch die Gesundheitsversorgung mit Fokus auf die Psychiatrie vor, begleitet von landestypischer Küche. Alle Mitarbeitenden dürfen an den Veranstaltungen teilnehmen und können diese zu 50 Prozent als Arbeitszeit anrechnen lassen. So sollte nach dem Motto „Integration ist keine Einbahnstraße“ Verständnis für die internationalen Fachkräfte geschaffen, ihnen Wertschätzung entgegengebracht, sowie die Internationalität des Klinikums in den Fokus gestellt werden. 

Ein möglichst enger Austausch mit den für den Anerkennungsprozess zuständigen Stellen, d. h. in Bayern z. B. mit der Regierung von Oberbayern oder der Bayerischen Landesärztekammer, hat sich ebenfalls als überaus gewinnbringend dargestellt: So lassen sich Missverständnisse beseitigen, Fragen klären und gemeinsam – im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten – effizientere und optimierte Prozesse gestalten. 

Über alle Bezirkskliniken hinweg hat sich die Einführung von sogenannten IntegrationslotsInnen als ausgesprochen erfolgreich herausgestellt. Sie sind dabei unterschiedlichen Stellen in den jeweiligen Kliniken zugeordnet, z. B. dem Chefarztsekretariat oder der Personalabteilung. Während einige der IntegrationslotsInnen ausschließlich für die Gewinnung und Bindung internationaler Fachkräfte zuständig sind, gehen andere IntegrationslotsInnen – insbesondere in kleineren Einrichtungen – dieser Tätigkeit nur in geringem Stundenumfang nach. Sie übernehmen darüber hinaus weitere Funktionen, z. B. die Personalsachbearbeitung oder die Chefarztassistenz. 

Integrationslotsinnen und -lotsen begleiten die internationalen Fachkräfte bereits vor deren Start im Unternehmen und unterstützen sie bei verschiedenen organisatorischen Herausforderungen, wie z. B. der Eröffnung eines Bankkontos, der Anmeldung beim Einwohnermeldeamt oder bei Fragen in Bezug auf die Beantragung von Berufserlaubnis bzw. Approbation. Gleichzeitig unterstützen sie aber auch bei Themen wie dem Familiennachzug oder bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung, z. B. durch die direkte Kontaktaufnahme mit Vermietern. In einer Klinik begleitet ein Integrationslotse, der selbst eine Ausbildung als Pflegefachmann hat und mehrere Fremdsprachen beherrscht, internationale Pflegekräfte auf der Station und unterstützt sie praxisnah bei der Patientenversorgung sowie der Dokumentation, was gleichzeitig auch die gesamte Station entlastet. Derartige Konzepte können ebenfalls auf den ärztlichen Bereich übertragen werden. Generell hat sich gezeigt, dass eine frühzeitige, engmaschige und niedrigschwellige Begleitung der internationalen Fachkräfte ein zentraler Faktor ist, um sie bestmöglich zu integrieren und langfristig an das Unternehmen zu binden. 

Außerdem zeichnet sich ab, dass ein regelmäßiger Austausch der IntegrationslotsInnen, wie er in Bayern vom Bayerischen Bezirketag organisiert wird, ein Schlüsselfaktor ist, um den Herausforderungen im Zusammenhang mit der Gewinnung und Bindung ausländischer Fachkräfte gut zu begegnen. Schließlich stehen die Bezirkskliniken überall vor ähnlichen Herausforderungen – ein Austausch und ein gemeinsames „Miteinander-und-Voneinander-Lernen“ sind hier überaus hilfreich für alle Beteiligten.

All diese Beispiele verdeutlichen: Integration ist kein Selbstläufer, sondern ein strategischer Prozess, der Führung und Ressourcen erfordert.

Kulturelle Kompetenz als Schlüssel

Gerade in der Psychiatrie spielen kulturelle Prägungen, sprachliche Nuancen und gesellschaftliche Kontexte eine zentrale Rolle – sowohl in der Diagnostik als auch in der therapeutischen Beziehung. Zudem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass ein erheblicher Teil der Patientenschaft selbst einen Migrationshintergrund aufweist, was die Anforderungen an interkulturelle Sensibilität zusätzlich erhöht. Kulturelle Sensibilität und entsprechende fachliche und personelle Kompetenzen sind deshalb sowohl für inländische als auch für internationale Fachkräfte wichtige Voraussetzungen, um eine gute Behandlungsqualität zu gewährleisten.

Kulturelle Kompetenz ist dabei mehr als interkulturelles Wissen – sie umfasst die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen, zu respektieren und produktiv zu nutzen. In psychiatrischen Kliniken bedeutet das:

  • Patientenzentrierte Kommunikation, die kulturelle Hintergründe berücksichtigt.
  • Teamkultur, die Vielfalt als Stärke begreift.
  • Organisationsentwicklung, die Diversität strategisch verankert – etwa durch Leitlinien, Fortbildungen und Feedbacksysteme.
  • Wissens- und Kompetenzvermittlung, die alle Berufsgruppen und Hierarchien erreicht.

Führungskräfte spielen hierbei eine zentrale Rolle. Sie setzen den Rahmen für eine offene, lernbereite und inklusive Klinikstruktur. Kulturelle Kompetenz sollte als Führungsaufgabe verstanden und aktiv gefördert werden – durch Vorbildfunktion, gezielte Personalentwicklung und strukturelle Maßnahmen.

Fazit

Internationale Mediziner und Medizinerinnen sind unverzichtbar für die Zukunft der psychiatrischen Versorgung in Deutschland. Ihre Integration ist nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine kulturelle Herausforderung. Wer kulturelle Kompetenz als strategische Ressource begreift, kann nicht nur Versorgungslücken schließen, sondern auch die Qualität und Menschlichkeit psychiatrischer Behandlung nachhaltig verbessern.

Quellen und Literatur

[1] Deutsches Krankenhausinstitut (2025): Psychiatriebarometer 2024/2025. Online: https://www.dki.de/fileadmin/user_upload/DKI_Psych-Barometer25_final_250717.pdf 
[2] DGPPN (2023): Basisdaten Psychische Erkrankungen. Online: https://aufklaren-hamburg.de/media/Factsheet_Kennzahlen_Psychologie.pdf 
[3] Nsofor I.N. and Ihua, B. (2020): Nigeria: Eine Wüste im Bereich der psychischen Gesundheit. Online: https://www.project-syndicate.org/commentary/nigeria-mental-health-care-by-ifeanyi-m-nsofor-and-bell-ihua-2020-05/german 
[4] Statista (2019): Europäische Länder mit den meisten Psychiatern. Online: https://de.statista.com/infografik/19604/europaeische-laender-mit-den-meisten-psychiatern/ 

 

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